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DJ Hell

BIOGRAPHIE

Über seine musikalischen Anfänge sagte DJ Hell in einem Interview mit The European: „Ich wurde mit der deutschen elektronischen Musik der 1960er und 1970er Jahre sozialisiert. Da gab es keine kommerziellen Bestrebungen, es ging nur ums Experimentieren.“

Hell ist seit 1978 als DJ tätig. Ab 1983 arbeitete er als DJ im Club Libella in Kirchweidach, Deutschland, in der Nähe seiner Heimatstadt Altenmarkt an der Alz. Dies war seine erste Residency, wo er seinen eklektischen Stil, New Wave, Ska, Punk, Rockabilly, Hip Hop und Disco in einem Set zu mischen, kultivierte. Es folgten weitere Residencies im Park Café und im Tanzlokal Grössenwahn in München, wo er als einer der ersten House-DJs in Deutschland regelmäßig auf House-Musik-Partys auflegte. 1987 organisierte er dort die erste Acid-House-Party und legte im selben Jahr im Grössenwahn bei der Aftershow-Party von Run-D.M.C. auf. Ende der 1980er Jahre entwickelte er in verschiedenen Münchner Clubs und Tanzlokalen seinen Stil von New Wave, EBM, Electro und Hip-Hop bis hin zu House und Techno.

1991 war Hell maßgeblich an der Gründung von Peter Wachas Label Disko B beteiligt und war bis 1996 als A&R eng eingebunden. Die erste Veröffentlichung des Labels im Jahr 1991, der Track Who Needs Sleep Tonight von Silicone Soul, wurde von Hell lizenziert, der einen Remix für die B-Seite produzierte: The DJ G. Hell Remix. Hells erste selbstproduzierte Single My Definition of House Music (auf R&S) wurde 1992 mit über 100.000 verkauften Platten zu einem Clubhit und verschaffte DJ Hell Anerkennung unter der ersten Generation von Techno-DJs, die auch Platten veröffentlichten. Während seiner Zeit bei Disko B und bis 1997 war DJ Hell auch Resident-DJ im Ultraschall, Münchens erstem Techno-Club, der sich auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens München-Riem befand. In den 1990er Jahren hatte DJ Hell weitere Residencies in Berlin, im E-Werk und WMF, ab 1992 im Tresor, und in den 2000er Jahren im Watergate.

Parallel zu seiner A&R-Arbeit in München wurde DJ Hell 1992 A&R-Manager für das Label Logic Records in Frankfurt und stellte im selben Jahr die weltweit erste Trance-Compilation Logic Trance zusammen. 1993 lebte er für ein Jahr in New York City, wo er zusammen mit Jeff Mills als Resident DJ im Limelight gebucht wurde. 1994 zog DJ Hell nach Berlin und arbeitete für den Plattenladen Hard Wax. Hells Debütalbum Geteert & Gefedert wurde 1994 auf Disko B veröffentlicht. 1995 zog er zurück nach Bayern.

Im selben Jahr wurde Hell als einziger deutscher DJ zu einer John Peel Session inklusive Radiointerview nach London eingeladen. Die Session wurde noch im selben Jahr auf Disko B veröffentlicht. Neben seiner Arbeit als DJ und Produzent gründete er 1997 in München das Label International Deejay Gigolos, für das er vom ersten Tag an als Label-Mastermind, A&R und Art Director tätig war. Parallel zum Labelmanagement kuratierte Hell als DJ und Eventveranstalter über 40 bayerische Gigolo-Nächte mit internationalen DJs und Live-Bands in verschiedenen Clubs in München. 1999 verklagte Arnold Schwarzenegger die International Deejay Gigolos wegen der Verwendung seines Bildes im Logo. Hell musste den Verkauf aller Platten, die das Logo trugen, einstellen und eine Strafe von 150.000 Euro zahlen. Im Jahr 2000 wurde Hells zweites Album Munich Machine auf V2 Records veröffentlicht.

Das Musikmagazin De:Bug schrieb dazu: „Munich Machine fühlt sich an wie das Ergebnis einer dynamischen Zusammenarbeit von Münchnern, die sich in der Clubszene engagieren und wissen, wie man mit ihr arbeitet. Jeder Aspekt wurde sorgfältig ausgearbeitet und manchmal scheint es, als würde DJ Hell diese Art von Mega-Mix nutzen, um über sich hinauszuwachsen. Das wird besonders deutlich, wenn er sehr unterschiedliche Quellen zusammenmischt.“

Im Jahr 2001 zog das Label nach Berlin um. Stilistisch umfasst seine Musik die Kategorien Electroclash, Electro, EBM, elektronischer Avantgarde-House, Tech-House und Techno, mit Einflüssen aus dem Pop und der Disco der 1980er Jahre. International Deejay Gigolos hat Werke von großen Namen der internationalen Techno-, House- und Electro-Szene veröffentlicht, darunter Jeff Mills, Dave Clarke, Tiga, Fischerspooner, Dopplereffekt, Vitalic, Bobby Konders, Miss Kittin, KLF, Tuxedomoon und Laurent Garnier. Fischerspooner wurde von DJ Hell entdeckt und debütierte bei den International Deejay Gigolos. In den 20 Jahren von 1996 bis 2016, in denen er für das A&R des Labels verantwortlich war, hat Hell über 300 Singles und Alben auf International Deejay Gigolos veröffentlicht.

Die zahlreichen Veröffentlichungen auf International Deejay Gigolos trugen maßgeblich zum Revival der 1980er Jahre in der deutschen und internationalen Clubszene bei und etablierten DJ Hell als einen der Begründer des Electroclash-Subgenres. Von 2000 bis 2003 leitete er die Diskothek und den Nachtclub Villa Traunstein im bayerischen Traunstein, wo er für hochkarätige, internationale DJ-Bookings verantwortlich war, darunter WestBam, Sven Väth und Jeff Mills. Seit 2002 ist DJ Hell sowohl in München als auch in Berlin ansässig. Von 2007 bis 2010 war er als musikalischer Koordinator für den Berliner Modedesigner Michael Michalsky tätig, für dessen Modenschauen er regelmäßig die Musik produzierte. Auch bei den Aftershow-Partys von Michael Michalskys StyleNite, die während der Berliner Fashion Week stattfanden, legte Hell auf.

Seit Mitte der 90er Jahre produziert DJ Hell Musik für Modenschauen, u.a. für Hugo Boss, Raf Simons, Patrick Mohr, Dirk Schönberger und Donatella Versace – seit er erstmals von Modedesigner Kostas Murkudis gebeten wurde, eine seiner Modenschauen in Berlin musikalisch zu begleiten.

Gelegentlich arbeitet DJ Hell mit renommierten Modelabels zusammen, entweder als Namensgeber oder als Designer. So entstanden unter anderem eine Unterwäschekollektion für Wendy & Jim, Damenunterhosen für Agent Provocateur, CD-Hüllen für Magma und eine Brille für Freudenhaus.

Im Jahr 2004 fotografierte Karl Lagerfeld DJ Hell für das V Magazine. Diese Fotografien wurden anschließend in einer Galerie in Berlin ausgestellt. DJ Hell über seine Affinität zur Mode: „In England gehören Mode und Musik schon seit Jahrzehnten zusammen. In Deutschland hingegen neigt man dazu, einem Musiker die Kompetenz abzusprechen, wenn er sich oberflächlich, also über das Sichtbare, definiert. Man denke nur an David Bowie auf der männlichen und Grace Jones auf der weiblichen Seite, und es wird deutlich, dass eine Verbindung von Mode und Musik unglaublich fruchtbar sein kann.“

Als DJ tourte Hell weltweit und war wiederholt Headliner auf internationalen Festivals wie der Loveparade und Mayday in Berlin, Fuji Rock und Wire in Tokio, dem Montreux Jazz Festival und dem Time Warp Festival in Mannheim. Er war der erste Techno-DJ, der 1997 in der Universität von Havanna auftrat. Der Auftritt wurde von einem deutschen Filmteam unter der Regie von Torsten Schulz gefilmt und im Jahr 2000 ausgestrahlt. 2002 drehte Romuald Karmakar einen Ausschnitt aus seinem Film „196 BPM“ während eines Auftritts von Hell beim WMF.2003 kürte das GQ-Magazin DJ Hell zum „Mann des Jahres“ in der Kategorie Musik. Im selben Jahr lebte DJ Hell zum zweiten Mal in New York City, wo er sein drittes Studioalbum NY Muscle produzierte, für das er mit mehreren Künstlern zusammenarbeitete, darunter Alan Vega, Erlend Øye, James Murphy und die Sängerin Billie Ray Martin. Die Website allmusic.com schrieb über NY Muscle: „Dies ist der Sound des nächtlichen New York City aus der Außenseiterperspektive eines berüchtigten Deutschen namens Hell, und es ist ein dunkler, düsterer, ausschweifender Spaß.“[3]

2009 veröffentlichte Hell das Album Teufelswerk, auf dem wieder einige internationale Gaststars wie Bryan Ferry, Peter Kruder, P. Diddy, Roberto di Gioia, Mijk van Dijk, Christian Prommer und Billie Ray Martin zu hören sind. Das Doppelalbum ist konzeptionell in einen „Tag“- und einen „Nacht“-Teil unterteilt und platzierte sich in den Top 50 der deutschen Media Control Charts. So Hell in einem Interview mit Resident Advisor: „Ich habe Kosmische Musik auf eine neue Art und Weise gemacht. Da komme ich her, ich bin mit den frühen deutschen Elektronik-Pionieren der Musik aufgewachsen, und deshalb bin ich in diese Richtung gegangen. Oft wird es als deutsche elektronische Avantgarde bezeichnet, oder als psychedelische Musik. Ich bin zurück in die 70er Jahre gegangen und habe versucht, es auf meine eigene Art zu machen.“ The Guardian über Teufelswerk: „Mit Hell als Dirigent und Kruder, Prommer und Roberto di Gioia, die eine Mischung aus Synthesizern, akustischen Gitarren, Wurlitzern und ‚Rhythmusmaschinen‘ spielen, fegen die vier quer durch Europa und kartieren die psychischen Autobahnen, die Kraftwerks Düsseldorf und Jean Michel Jarres imaginäres, futuristisches Paris verbinden; Pink Floyd im UFO Club 1966 und das Café del Mar 1987; höhlenartig dröhnende Dubstep-Nächte im modernen Berlin und das progressive Italien der 1970er Jahre von Goblin. ” Seit 2009 unterstützt DJ Hell die feministische ukrainische Aktivistengruppe FEMEN mit verschiedenen DJ- und Fernsehauftritten.

Der bekennende Fan des Fußballvereins FC Bayern München ist Trikotsponsor des TSV Altenmarkt, dem Fußballverein seiner Heimatstadt. Entgegen Gerüchten besitzt er keine professionelle Trainerlizenz. Für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war Hell als DJ für die Eröffnungsfeier im Berliner Olympiastadion gebucht, doch die Veranstaltung wurde von der FIFA kurzfristig abgesagt. DJ Hell über seine Fußball-Leidenschaft im Alert, 8/2002: „Ich schaue mir die Heimspiele des FC Bayern München an. Auch bei den letzten Europa- und Weltmeisterschaften habe ich Deutschland als DJ vertreten, bin mit der deutschen Nationalmannschaft von Stadt zu Stadt gereist und habe am Vorabend der Spiele aufgelegt. In meinem Vertrag stand, dass der Veranstalter mir Karten für die Spiele besorgen muss.“  Der Name von DJ Hells neuestem Album, seinem ersten seit „Teufelswerk“ von 2011, bedeutet übersetzt „Musik der Zukunft“. Es ist also ironisch, dass so viel von Zukunftsmusik von der Vergangenheit inspiriert ist. Es gibt offensichtliche Anklänge an Kraftwerk, Gary Numan, David Bowie, New Romanticism, Electroclash und jede Menge Gothic-Synth-Acts. Einige dieser Tracks hätten auch 2002, ’92, ’82 oder sogar ’72 erscheinen können. Das Album strotzt nur so vor Nostalgie für vergangene Tage. Das Schockierende daran ist, dass Helmut Hell es oft zum Funktionieren bringt.

Ein Großteil der Zukunftsmusik hält sich von der Tanzfläche fern, mit einer Betonung auf quasi-klassischen Melodien und grüblerischer Atmosphäre. „Anything Anytime“ drapiert elegisches Klavier, pulsierende Streicher und eine vokoderte Stimme über einen düsteren Beat. Auch „High Priests Of Hell“ ist mit behandeltem Gesang unterlegt – doch hier wirken die in Scheiben geschnittenen Äußerungen noch bösartiger, da sie in einem Bett aus zerklüfteten Rhythmen und verwirrendem Geratter liegen. „With You“ – eine Coverversion eines düster-schönen Robert Görl-Stücks von 1983, „Mit Dir“ – hat eine romantische Anziehungskraft, die durch die leicht unheimliche stimmliche Präsenz von Rob Birch von Stereo MCs unterstützt wird. „Wir Reiten Durch Die Nacht“ ist ein Kraftwerk-Pastiche von Hell, angetrieben vom sanften Pochen einer „Autobahn“-esken Bassline. „2 Die 2 Sleep“ mit seinen dröhnenden Synthies, schwermütigen Bläsern und wehmütiger Trägheit könnte ein verlorener Track aus der instrumentalen Hälfte von Bowies Low sein. Bowies Geist, in voller Kurt Weill-Manier, materialisiert sich wieder auf dem ambitionierten „Army Of Strangers“, einem Stück voller großer Gesten und übertriebener Orchestrierung. „Car, Car, Car“ ist der Halbgeschwindigkeits-Cousin von Gary Numans „Cars“, dessen kaum aus dem ersten Gang zu kriegender Rhythmus und grandiose Synthesizer-Linie von einem stumpfsinnigen (und amüsant albernen) Text abgelöst wird, der erklärt, dass „ein Auto nicht nur ein Auto ist“.

Ja, es ist abgeleitet. Aber Hell leiht sich von seinen Quellen mit Verehrung und Ehrfurcht. Die Dancefloor-Ausflüge von Zukunftsmusik sind dagegen weniger ausgeprägt. Tracks wie „Guede“ mit seinen sanften 303-Impulsen und analogem Rauschen oder das perlende „Wild At Art“ wirken ein wenig routiniert und lustlos. Von den Clubtracks des Albums ist der dynamischste das bereits veröffentlichte „I Want U“, eine anzügliche Nummer mit einem Buzzsaw-Grind und einem Jackboot-Stomp. Auf Deutsch hat der Titel des Albums eine andere Bedeutung – „pie in the sky“. Hell sagt, das Album sei sein Versuch, „der unsicheren Welt, der chaotischen Gegenwart und der ängstlichen Zukunft einen Sinn zu geben“. Auch wenn er auf die Vergangenheit fixiert ist, ist das vielleicht seine Art, sich nicht mit dem Schmerz dessen aufzuhalten, was ist und was wahrscheinlich sein wird. Er träumt von einem unwahrscheinlichen Morgen, das so verführerisch ist wie vergangene Tage. DJ Hell ist der designierte Kurator für das geplante Museum of Modern Electronic Music (MOMEM), das 2018 in Frankfurt eröffnet werden soll.

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