Eskalation auf dem RAW-Gelände Berlin: 4 Techno-Clubs vor dem Aus
Vier Techno-Clubs auf dem RAW-Gelände Berlin vor dem Aus: Brandschutz als Hebel, Bebauungsplan seit Jahren blockiert – wer wen in Geiselhaft nimmt.
Ereignisse im Kontext
Silvester als Zünder
Berlin, 1. Januar 2026. In Crans-Montana, einem Schweizer Skiort, brennt die Bar Le Constellation lichterloh. 41 Menschen sterben. Das Feuer liegt Tausende Kilometer vom RAW-Gelände in Friedrichshain entfernt – und löst dort dennoch eine Kettenreaktion aus, die jahrelange Spannungen in offenen Konflikt verwandelt.

Acht Tage nach dem Unglück fordert Lauritz Kurth, Geschäftsführer der Kurth-Gruppe und Eigentümer des 51.000-Quadratmeter-Areals, Brandschutz-Dokumentationen vom Bezirksamt. Das Ergebnis: Genehmigungen und Nachweise fehlen teilweise. Für Kurth ist das ein Argument. Für die Clubbetreiber eine durchsichtige Konstruktion, jahrelang vorbereitet durch strukturelle Aushöhlung.
Der Brief vom 22. Januar
Am 22. Januar 2026 erhalten Cassiopeia, Weißer Hase, Crack Bellmer und Lokschuppen Post von Kurth Immobilien GmbH. Inhalt, knapp: „Einstellung des Betriebs mit sofortiger Wirkung.” Die Bar Zum schmutzigen Hobby – eine der wenigen LGBTQ+-Institutionen des Geländes – und das Restaurant Emma Pea folgen kurz darauf. Ihr Status: bloße Duldung, also kurzfristige Tolerierung ohne Rechtssicherheit.

Bereits seit dem 1. Januar laufen keine verlängerten Mietverträge mehr. Kein Booking auf Monate, keine Bankfinanzierung, keine Planungssicherheit für über 20 Mitarbeiter allein beim Weißen Hasen. Die Betreiber widersprechen Kurths Darstellung. Ein anonymer Clubbetreiber bringt es auf den Punkt: „Keine:r der Mieter:innen haben einen Vertrag im Kulturellen L erhalten.”
Druckmittel oder echtes Risiko?
Die Kurth-Gruppe verhandelt seit dem Kauf des Areals 2015 mit dem Bezirk über einen Bebauungsplan. Das implizite Versprechen: Mikro-Mieten für die Clubs, dafür politische Rückendeckung für den geplanten 100-Meter-Büroturm mit rund 150.000 Quadratmetern Geschossfläche. Doch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bremst, Gutachten verzögern das Verfahren, Zuständigkeiten bleiben unklar.

Das soziokulturelle Zentrum des Areals – intern SKL genannt, Kurzform für Soziokulturelles L – wartet weiter auf einen Generalmietvertrag. Ohne Vertrag keine Investitionen in Schall- oder Brandschutz. Ohne Investitionen keine Nachweise. Ohne Nachweise droht die Untersagung. Ein Kreislauf, den Kurth als Hebel nutzt und den der Bezirk zehn Jahre lang hat laufen lassen.
BVV zwischen Resolution und Ohnmacht
Am 25. Februar 2026 verabschieden Linke, Grüne und SPD in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg die Resolution DS/1968/VI. Der Ton ist ungewöhnlich direkt. Die Clubs würden in „Geiselhaft” genommen, heißt es. Und weiter: „Ohne diese Clubs wird es mit dieser BVV keinen Bebauungsplan für das RAW geben.” Kurth wolle laut Resolution zudem „Druck auf das Bezirksamt verstärken” – eine Formulierung, die eher nach Erpressung klingt als nach Stadtplanung.

Rechtlich bindend ist die Resolution nicht. Politisch ist sie ein Eingeständnis: zehn Jahre Verhandlung, kein Generalmietvertrag, kein rechtskräftiger Plan. Am 2. April 2026 gründet sich die Bürgerinitiative RAW-Retten, die Wohnbau statt Büroturm fordert. Die BVV selbst spricht von der „internationalen Strahlkraft” des Geländes. Was sie nicht ausspricht: Strahlkraft schützt keine Clubs vor dem Aus.
Vertiefung und Einordnung
FAQ
Was ist der genaue Grund für die Nutzungsuntersagung?
Die Kurth-Gruppe begründet sie mit fehlendem Brandschutz. Auslöser war der Brand in der Bar Le Constellation in Crans-Montana am 1. Januar 2026 mit 41 Todesopfern. Daraufhin forderte Kurth am 8. Januar entsprechende Unterlagen vom Bezirksamt. Feststellung: Genehmigungen und Brandschutznachweise fehlen teilweise. Mehrere Clubbetreiber bestreiten diese Darstellung und sehen die Aktion als strategisches Druckmittel im laufenden Bebauungsplanstreit.
Warum haben die Clubs keinen Brandschutz nachgerüstet?
Weil Kurzzeitverträge und der Duldungsstatus Bankfinanzierungen ausschließen. Das erzeugt eine strukturelle Falle: Der Eigentümer verweigert langfristige Verträge, die Clubs können nicht investieren, der Eigentümer nutzt fehlende Nachweise als Argument für die Schließung. Hinzu kommt das persönliche Haftungsrisiko der Geschäftsführer, die beim Betrieb ohne gültige Nachweise in die Gefährdungshaftung geraten.
Was bedeutet der Duldungsstatus konkret?
Seit dem 1. Januar 2026 existieren keine regulären Mietverträge mehr. Duldung bedeutet: Der Betrieb wird kurzfristig toleriert, ohne jeden Rechtsanspruch auf Fortsetzung. Das verunmöglicht mehrmonatige Buchungen, Personalplanung und jede Investition. Die Existenzfähigkeit sinkt gegen null, je kürzer die faktische Vertragslaufzeit wird.
Was ist das Soziokulturelle L?
Das SKL bezeichnet einen klar definierten Bereich auf dem RAW-Gelände, den der Bebauungsplan für Kultur-, Sport- und soziokulturelle Betriebe vorsieht. Geplant ist, diesen Bereich über einen Generalmietvertrag für 30 Jahre zu sichern – mit der BIM GmbH (Berliner Immobilienmanagement) als vorgesehenem Hauptmieter. Die Kulturraum Berlin GmbH, die ursprünglich diese Rolle übernehmen sollte, zog sich infolge landesweiter Sparmaßnahmen zurück.
Welche Rolle spielt der Bebauungsplan?
Der Aufstellungsbeschluss stammt aus dem Jahr 2019. Seitdem stockt das Verfahren. Der Plan ist der zentrale Hebel: Er entscheidet über den 100-Meter-Büroturm, den 20-Prozent-Wohnanteil und die 30-jährige SKL-Sicherung. Solange er nicht rechtskräftig ist, bleibt alles Verhandlungssache. Mitte Mai 2026 werden weitere Details zu den Plandetails erwartet. Bis dahin agieren alle Seiten im rechtlichen Graubereich.
Welche anderen Clubs wurden durch ähnliche Situationen geschlossen?
K17 und der Knaack Club gelten als Präzedenzfälle. Beide schlossen nach Immissionsschutzklagen durch neu zugezogene Anwohner. Das Paradoxon am RAW: Der geplante 20-Prozent-Wohnanteil soll innerhalb der kritischen Lärmradien der bestehenden Clubs entstehen. Das schafft dieselbe Konstellation – mit denselben rechtlichen Konsequenzen.
Was fordert die BVV-Resolution konkret?
Die Resolution DS/1968/VI verlangt einen Generalmietvertrag für das SKL, langfristige Einzelverträge für alle Kultureinrichtungen sowie eine politische Druckausübung auf das Bezirksamt. Darüber hinaus stellen die unterzeichnenden Fraktionen eine Bedingung: Ohne gesicherte Clubs kein Bebauungsplan. Die Resolution ist nicht rechtsverbindlich, setzt aber ein klares Signal über die Mehrheitsverhältnisse in der BVV.
Kritische Einordnung & Perspektiven
Eigentümer: legitimer Investitionsdruck
Die Kurth-Gruppe hält das Areal seit 2015 und hat die Clubs über Jahre mit Mikro-Mieten weit unter Marktpreis subventioniert. Das Bebauungsplanverfahren läuft seit über einem Jahrzehnt, ohne rechtskräftiges Ergebnis. Lauritz Kurth beschreibt das Ziel als urbanes Mischquartier mit Kultur, Büros, Gewerbe und öffentlichem Raum. Dass ein Eigentümer bei dauerhafter Blockade des Genehmigungsverfahrens den Druck erhöht, ist betriebswirtschaftlich folgerichtig. Die Clubs fungieren dabei als Verhandlungsmasse – was der Weiße Hase selbst nüchtern einordnet: „Weder die Politik noch der Eigentümer sind hier einfach ‚böse’.”

Bezirkspolitik: Resolution statt Ergebnis
Die BVV agiert reaktiv. Zehn Jahre Verhandlung haben weder Generalmietvertrag noch rechtskräftigen Bebauungsplan noch Investitionssicherheit für die Clubs produziert. Die Resolution klingt laut, bleibt rechtlich wirkungslos. Der Berliner Büroleerstand liegt bei rund 11 Prozent – ein naheliegendes Argument gegen einen weiteren 100-Meter-Büroturm, das die Fraktionen aber erst dann laut äußern, als der Eigentümer bereits eskaliert. Die Bürgerinitiative RAW-Retten, gegründet am 2. April 2026, fordert Wohnbau statt Bürofläche auf dem Ost-Areal – und zeigt, dass der politische Konsens auch innerhalb der Bezirkspolitik brüchig wird.
Clubs: strukturell gefangen
Die Betreiber sitzen in einer Falle, die nicht sie gebaut haben. Mikro-Mieten ermöglichen den Betrieb, verhindern aber gleichzeitig jeden Kredit für Schall- oder Brandschutz. Der Wechsel von Mietvertrag zu Duldung entzieht dem Geschäftsmodell die Grundlage. Cassiopeia bezeichnet das RAW als „das größte soziokulturelle Zentrum Deutschlands” – eine Aussage, die den politischen Stellenwert betont, aber an den vertraglichen Realitäten nichts ändert. Ohne Generalmietvertrag im SKL ist jede Lösung temporär, jede Investition riskant, jede Planung ein Glücksspiel.
Faktische Einordnung
- RAW-Arealgröße: 51.000 m²
- Geplante Geschossfläche Neubau: ca. 150.000 m²
- Bauhöhe geplanter Büroturm: 100 Meter
- Geplanter Wohnanteil: 20% der Gesamtfläche
- Mietgarantie SKL (geplant): 30 Jahre
- Berliner Büroleerstand (Referenz): ca. 11%
- Betroffene Mitarbeiter Weißer Hase: über 20
- Betreiber auf dem Gelände gesamt: rund 70
- Referenzgröße Holzmarkt 25: 12.000 m²
- Nutzungsuntersagung ausgesprochen: 22. Januar 2026
- BVV-Resolution verabschiedet: 25. Februar 2026
- Bürgerinitiative RAW-Retten gegründet: 2. April 2026

Fazit
Das RAW-Gelände ist kein Kulturkampf. Es ist ein Schachbrett, auf dem drei Spieler gleichzeitig matt gesetzt werden wollen – und keiner das Brett kippen kann, ohne selbst zu verlieren. Die Clubs sind die Figuren, die alle bewegen, aber keiner wirklich schützt. Solange der Bebauungsplan ein Versprechen bleibt und Verträge durch Duldungen ersetzt werden, ist jede Resolution nur Rauschen im Leerstand.
Quellen zum tiefer tauchen
Tip Berlin berichtet ausführlich über die Nutzungsuntersagungen, die BVV-Resolution und den jahrelangen Konflikt zwischen Kurth-Gruppe, Bezirkspolitik und Clubbetreibern am RAW-Gelände: https://www.tip-berlin.de/stadtleben/raw-gelaende-friedrichshain-kurth-gruppe-bezirksverordnetenversammlung/
Groove liefert einen kompakten Überblick über alle betroffenen Clubs, den politischen Kontext und die Rolle der Mikro-Mieten als strategisches Mittel: https://groove.de/2026/02/26/berlin-clubs-kaempfen-um-fortbestehen-auf-raw-gelaende/
Die Berliner Zeitung dokumentiert die widersprüchlichen Darstellungen von Eigentümer und Clubbetreibern sowie die konkreten Forderungen der BVV-Resolution: https://www.berliner-zeitung.de/news/raw-gelaende-friedrichshain-vier-clubs-droht-das-aus-li.10021368
Die taz analysiert den Deal-Rahmen zwischen Kurth und Bezirk, das SKL-Konzept und die Bebauungsplan-Volumina detailliert: https://taz.de/Zukunftsplaene-fuers-RAW-Gelaende-in-Gefahr/!6151183/
Entwicklungsstadt ordnet die Quartiersvision der Kurth-Gruppe ein und zitiert Lauritz Kurth zu den Hintergründen des stockenden Genehmigungsverfahrens: https://www.entwicklungsstadt.de/zukunft-der-clubs-auf-dem-raw-gelaende-steht-auf-dem-spiel/
Faze Magazin bringt ein Update zur Gesamtlage mit Fokus auf den Brandschutz-Konflikt und den Stand der politischen Reaktionen: https://www.fazemag.de/clubs-in-geiselhaft-die-situation-auf-dem-raw-gelaende-spitzt-sich-zu/






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