Seth Troxler B2B Skream @ Kappa FuturFestival 2024
Zwei Welten, ein Groove: Wie Troxler und Skream in Turin den Dancefloor neu vermessen
Wenn sich zwei stilprägende Persönlichkeiten der elektronischen Musik die Decks teilen, entsteht oft mehr als die Summe ihrer Teile. Genau dieses Gefühl durchzog das back-to-back-Set von Seth Troxler und Skream beim Kappa FuturFestival im Sommer 2024 – ein Aufeinandertreffen von Hintergründen, Ästhetiken und Epochen, das sich im Industrial-Ambiente des Parco Dora von Turin entfaltete. Troxler, der mit Detroit-Techno sozialisiert wurde, und Skream, der aus der Keimzelle des britischen Dubstep in die Welt von House und Techno aufbrach, spannten einen Klangbogen, der gleichermaßen Historie atmete und zukunftsgewandt klang. Für das Publikum bedeutete das: eine dynamische Reise mit plötzlichen Wendungen, mutigen Übergängen und Momenten, in denen kollektive Ekstase und intime Finesse einander die Hand reichten.
Hauptteil
Ein gutes B2B-Set lebt von Konversation – nicht mit Worten, sondern mit Tracks. Troxler und Skream wechselten hier zwischen Rollen: mal der eine als dramaturgischer Architekt, der die nächste Phase antizipiert, mal der andere als Impulsgeber, der mit einem ungewohnten Break die Menge überrascht. Wer die beiden kennt, weiß, dass sie jeweils über ein tiefes musikalisches Archiv verfügen. Troxler legt Wert auf Strukturen, die Geduld belohnen: rollende Basslinien, hypnotische Patterns, subtile Perkussion – die Schule von Detroit in moderner Lesart. Skream wiederum bringt eine ungestüme Energie mit, die er seit seinen frühen Jahren stets weiterentwickelt hat: Bassbetonte Kicks, UK-Grooves, funkelnde Vocals und eine Prise Humor, wenn unerwartete Edits die Zuhörer aus der Komfortzone kitzeln.
Der Ort machte den Unterschied. Das Parco Dora ist ein postindustrieller Park, in dem alte Stahlträger, Hallengerippe und Backsteinflächen eine Bühne abgeben, die wie gemacht scheint für Rhythmus und Wiederholung. Die visuelle Sprache des Areals korrespondiert mit der Musik: Monotonie als Stilmittel, Stahl als Metapher für Härte, Rost als Patina, die Geschichte einschreibt und Gegenwart hervorhebt. In diesem Setting entwickelt ein B2B eine besondere Räumlichkeit. Grooves werden nicht nur gehört, sondern über die Architektur gespürt; Echos tanzen an Säulen entlang und verleihen den Breaks eine physische Qualität.
Im dramaturgischen Verlauf setzte das Duo auf wellenförmige Spannungsbögen. Nach einem kontrollierten, grooveorientierten Einstieg, der das Publikum einsammelte, folgten Befreiungsschläge: härtere Kickdrums, sägende Synths, dann plötzlich wieder Luft – ein Filterfahrstuhl, der alle in den Zwischenraum der Erwartung verfrachtete. Genau dort lag die Stärke dieses Abends: Beide verstanden, dass ein Festival wie das Kappa FuturFestival nicht nur nach Reizüberflutung verlangt, sondern nach Erzählung. So war das Set eine Abfolge aus Kapitelüberschriften und Subplots, in denen Zitate aus House-Classics, minimalistische Techno-Loops und UK-inspirierte Breaks intelligent verwoben wurden.
Stilistisch zeigte sich, wie sehr Genres heute miteinander sprechen können. Die puristische Unterscheidung zwischen House und Techno wurde ebenso fließend behandelt wie die Berührungspunkte mit UK Garage und Dubstep. Skream nutzte seine Bass-DNA, um die Energie zu modulieren; zwischen den Vier-Viertel-Stampfern leuchteten immer wieder shuffle-getriebene Grooves auf, die dem Floor Leichtigkeit verliehen. Troxler konterte mit Zähigkeit und Feingefühl – die Art von Selektion, die einen Raum bei 35 Grad im Schatten nicht kollabieren lässt, sondern wie eine gut geölte Maschine am Laufen hält.
Ein weiteres Element dieser Performance war ihre dialogische Performance-Kultur, wie sie im DJing verwurzelt ist. B2B heißt: spontan zu reagieren, den anderen zu lesen, nicht nur Publikum und Raum, sondern auch den Partner zu antizipieren. Das klappte, weil beide DJs offen für Überraschungen sind. Ein beispielhafter Moment: Nach einer Sequenz vibrierender Techno-Tracks zog ein House-Cut mit Vocals die Dynamik kurz auf und machte Platz für Euphorie, bevor eine minimalistische, perkussive Passage das Feld neu ordnete. Dieses Wechselspiel aus Emotion und Funktion – zwischen große Geste und nüchternem Groove – hielt das Set frisch und unvorhersehbar.
Besonders in Turin, einer Stadt, deren musikalische Offenheit längst zum Markenzeichen geworden ist, trifft dieses Konzept auf fruchtbaren Boden. Das Kappa FuturFestival hat sich in den letzten Jahren als Treffpunkt für internationale Clubkultur etabliert und verbindet die Energie eines großen Musikfestivals mit der Präzision der Clubszene. Es ist nicht nur die Größe, die beeindruckt, sondern die Kuratierung: Bühnen, deren Profile ineinandergreifen, und Zeitfenster, die dramaturgisch Sinn ergeben. In dieser Matrix war Troxler B2B Skream ein Puzzleteil, das perfekt passte und doch genug Eigensinn besaß, um sich abzuheben.
Auch klanglich überzeugte der Abend. Die Abmischung legte Wert auf ein trockenes Low-End, das die Kick betonte, ohne den Bassbereich zu verschmieren. Hi-Hats und Shaker schnitten durch die warme Luft, während die Mitten genügend Raum für charaktervolle Synths ließen. Eine subtile Hallarchitektur sorgte dafür, dass Breaks nicht im Nichts verpufften, sondern wie Atemzüge zwischen den Drops wirkten. Kurzum: Ein Sounddesign, das Festivalmaßstäben gerecht wurde und gleichzeitig den Intimitätsgrad eines Clubsets nicht verlor.
Was bleibt, ist der Eindruck einer gelungenen Begegnung: Detroit trifft UK, Archiv trifft Abenteuerlust. Dieses B2B demonstrierte, wie fruchtbar das Prinzip „Gegensätze ziehen sich an“ auf dem Dancefloor funktionieren kann – vorausgesetzt, beide Seiten hören einander aufmerksam zu und riskieren gelegentlich den Sprung ins Unbekannte. Genau dann entstehen jene Augenblicke, die noch Wochen später in Erinnerungen nachhallen.
Fragen & Antworten zum DJ Set
Was versteht man unter einem B2B-Set?
B2B („back-to-back“) bedeutet, dass zwei DJs abwechselnd oder gemeinsam spielen und sich dabei spontan musikalisch ergänzen. Es ist ein dialogischer Ansatz des DJing, der Überraschungsmomente und Improvisation fördert.
Wer sind Seth Troxler und Skream in der elektronischen Musikwelt?
Seth Troxler steht für eine moderne, groovelastige Auslegung von Detroit-Techno und House, während Skream aus dem Dubstep hervorging und sein Repertoire um House und Techno erweitert hat.
Was macht das Kappa FuturFestival als Ort für ein solches Set besonders?
Das Kappa FuturFestival findet in Turins Parco Dora statt – einem ehemaligen Industrieareal. Die rohe, offene Architektur unterstützt energetische, treibende Musik und verleiht Sets eine markante Atmosphäre.
Welche Stilrichtungen prägten dieses B2B?
Eine Mischung aus House, Techno und UK-geprägten Bass-Grooves mit Anklängen an UK Garage und Dubstep; mal minimalistisch hypnotisch, mal euphorisch-vokal.
Gab es besondere Momente in der Dramaturgie?
Ja, insbesondere die Wechsel zwischen dichten Peak-Time-Sequenzen und luftigen Übergangsphasen. Diese Atemtechnik hielt die Spannung hoch und machte Raum für Überraschungen.
Kann man das Set irgendwo nachhören?
Viele Festivalsets werden später online geteilt, abhängig von Rechten und Mitschnitten. Offizielle Kanäle des Kappa FuturFestival und der Künstler sind potenzielle Anlaufstellen.
Faktisches
- Ein B2B ist eine dialogische Form des DJing, bei der Spontaneität und gegenseitiges Zuhören zentral sind.
- Seth Troxler ist eng mit der Traditionslinie des Detroit-Techno verbunden und steht für groovelastige, narrative Sets.
- Skream prägte die Frühphase des Dubstep und bewegt sich heute versiert zwischen House und Techno.
- Das Kappa FuturFestival findet im Parco Dora in Turin statt – einem postindustriellen Park mit markanter Stahlarchitektur.
- House- und Techno-Ästhetiken verschmelzen in festivalgerechten Sets oft zu einer gemeinsamen, funktionalen Sprache.
- UK-Einflüsse wie UK Garage bringen Shuffle und Leichtigkeit in den 4/4-getriebenen Festival-Sound.
- Die Akustik offener Industriefreiräume belohnt klare Arrangements: trockene Kicks, definierte Mitten, dosierter Hall.
- Kuratierten Festivalslots kommt dramaturgische Bedeutung zu – sie rahmen die Energie des Publikums und fördern kohärentes Storytelling.
Kritische Analyse
So mitreißend ein B2B-Set sein kann, es birgt auch Risiken. Der Spagat zwischen zwei starken künstlerischen Handschriften kann zu Brüchen führen, wenn die Kommunikation ins Stocken gerät. Ein unpassender Übergang, ein zu drastischer Stimmungswechsel – und die zuvor aufgebaute Spannung entweicht. Beim Zusammenspiel von Troxler und Skream zeigte sich zwar eine hohe Abstimmung, doch die inhärente Fragilität bleibt: B2B ist ein Hochseilakt ohne Netz, gerade in großen Festivalsituationen.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Festivalumgebung selbst. Offene Flächen wie der Parco Dora sind akustisch anspruchsvoll. Wind und Temperatur können den Klang verändern, benachbarte Bühnen führen mitunter zu Übersprechen. Das verlangt von Technik und DJs ständige Anpassung. Wo Clubräume intime Kontrolle ermöglichen, fordert das Open-Air Großzügigkeit in der Selektion: zu komplexe Details gehen leichter verloren, weshalb funktionale Grooves dominieren – ein Umstand, der Puristen gelegentlich als Vereinfachung erscheint.
Auch die Balance zwischen künstlerischer Freiheit und Festivalökonomie ist Thema. Strikte Zeitfenster engen Experimente ein; Erwartungshaltungen eines massentauglichen Line-ups drücken auf die Risikobereitschaft. Die Frage lautet: Wie viel Überraschung verträgt die goldene Festivalstunde? Das Set demonstrierte, dass beides geht – aber es bleibt ein schmaler Grat zwischen Zugänglichkeit und Ambition.
Fazit
Troxler x Skream beim Kappa FuturFestival 2024 war eine Lehrstunde im Gespräch zweier musikalischer Sprachen. Detroit-inspirierte Gravität traf auf britische Basslust, House auf Techno, Struktur auf Spontanität. Im industriellen Herzen von Turin entfaltete sich ein Set, das zeigte, wie vital B2B im Jahr 2024 sein kann: nicht als Showeffekt, sondern als echtes, risikobereites Miteinander. Die Mischung aus dramaturgischer Klarheit, klanglicher Präzision und unbändiger Spielfreude machte diesen Auftritt zu einem jener Festivalmomente, die den Begriff „Headliner“ neu definieren – weniger über Namen, mehr über Haltung.
Quellen der Inspiration
- Seth Troxler – Wikipedia
- Skream – Wikipedia
- Kappa FuturFestival – Wikipedia
- Parco Dora – Wikipedia
- Turin – Wikipedia
- Detroit Techno – Wikipedia
- Dubstep – Wikipedia
- House (Musik) – Wikipedia
- Techno – Wikipedia
- Diskjockey – Wikipedia
- UK Garage – Wikipedia
- Musikfestival – Wikipedia
WICHTIG
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